“Ich muss in die Halle“

Frank Carstens hat etwas geschafft, das nicht vielen so glatt gelingt. Ihm gelang der nahtlose Übergang vom Handballprofi zum Handballtrainer. Und das auf dem gleichen Niveau, seit 2015 verantwortet Carstens das Training beim Erstligisten GWD Minden. Der 47jährige verheiratete vierfache Vater wuchs in Oldenburg auf, kam wie so viele andere auch über den Vater zum Handball. Bei der Erinnerung an seine Anfänge muss er lachen: „Organisiert so mit zwölf Jahren in der D-Jugend, unorganisiert ab drei, vier. Ich habe meinen Vater immer begleitet, war immer am Ball, auch zu Hause. Sehr zum Leidwesen meiner Mutter“. Bis der Handball zur endgültigen Wahl wurde spielte Carstens Fußball oder übte sich im Judo.

Irgendwie zeichnete sich die spätere Trainerlaufbahn früh ab, was es dem Spieler Carstens nicht immer leicht machte. „Ich dachte immer mehr wie ein Trainer als wie ein Spieler, was mich kritisch und unbequem machte“, so Carstens. Das sei für seine Trainer nicht immer einfach gewesen. Daher sei die „erzwungene“ Entscheidung mit 34 Jahren aufzuhören und Trainer zu werden nicht wirklich schwer gefallen. An die Karriere als Bundesligatrainer dachte er lange nicht. „Davon habe ich nicht zu träumen gewagt“, erinnert sich der Coach. Der Sprung zum Trainer fand beim OHV Aurich statt, als er mit der Mannschaft zu Hochzeiten des Auricher Handballs 2004 in die zweite Liga aufstieg. In 2006 beendete Carstens seine aktive Karriere, vor die Wahl gestellt „jetzt oder nie“ übernahm er ab der Saison 2006/7 die Mannschaft als hauptamtlicher Trainer. „Ich hab die Gelegenheit genutzt“, blickt Carstens auf diese Entscheidung zurück.


Moritz Schäpsmeier (links) und Frank Carstens in 2015 - Schäpsmeier trainiert heute die Zweite von GWD


Eine intensive und anstrengende Zeit war das Engagement zwischen 2011 bis 2013 als Cotrainer der Nationalmannschaft. „Es ging immer nur nach vorn, das war für mich das Resultat aus der vorhergehenden Zeit“, sagt Carstens. Er stieg mit der TSV Hannover Burgdorf in die erste Liga auf, anschließend wurde die Klasse gehalten. „Das haben uns nicht viele zugetraut mit der Mannschaft“, meint Carstens. 2010 kam der Wechsel nach Magdeburg, „zu einem der größten Clubs in Deutschland“, und das mit einer einjährigen Erfahrung als Bundesligatrainer. In 2009 entstand ein guter Kontakt zum damaligen Bundestrainer Martin Heuberger, der damals neun Handball-Stützpunkte in Deutschland aufbaute. Carstens übernahm den Stützpunkt Hannover, traf dort auf viele junge Nachwuchsspieler die wie Timo Kastening inzwischen in der Bundesliga angekommen sind.

Die Zeit bei der Nationalmannschaft hat bleibenden Eindruck hinterlassen. „Wenn die Nationalmannschaft spielt ist noch mal eine ganz andere Thermik“, meint Carstens. Bundestrainer wollte Carstens nie werden: „Das wollte ich nie, ich wollte in Magdeburg bleiben. Ich bin Vereinstrainer, ich muss in die Halle. Ich kann mir nicht vorstellen das sich das ändert, zumindest noch nicht“, sagt Carstens. Zum ersten Mal als Trainer saß er schon 1996 auf der Bank, er trainierte Jugendmannschaften, angefangen bei einer Mini-Mannschaft, dann von den C- bis zu den A-Junioren. Eine andere Aufgabe als jetzt, für ihn aber eine ganz wichtige Aufgabe, eine wichtige Basis für den Handballsport in Deutschland. „Ein ganz anderer Aspekt meines Jobs, das habe ich fünf Jahre lang gemacht“, erklärt Carstens.


Frank Carstens - Emotionen


Für Carstens gehören in die Jugendarbeit die ihr Handwerk verstehen oder wie Horst Bredemeier, die über ihr Charisma kommen. Der ehemalige GWD-Manager trainiert eine D-Jugend im Verein. In seiner Arbeit als Trainer musste er viel lernen, machte Fehler und ließ sich extern beraten. „Das war wichtig für mich, jemanden zu haben, der mir Rückmeldungen gibt und weiterhilft“, so Carstens, der beim Rückblick auf mehrere Jahrzehnte erlebtem Handball eine große Veränderung ausgemacht hat. „Ich sage meinen Spielern immer, wenn ihr euch so prügeln dürftet wie wir früher, mit euren Körpern heute, würde es jedes Wochenende Tote geben“, schmunzelt der Coach. Der Handball sei viel fairer und sauberer geworden, die Schiedsrichter würden viel abpfeifen. „Was heute als Foul gepfiffen wird ging früher als zu lasche Abwehr durch, es ist schon gewaltig, was sich da verändert hat“, sagt Carstens. Insgesamt die Athletik und Geschwindigkeit habe sich gesteigert, die Spieler seien professioneller geworden. „Die jungen Spieler die heute kommen sind viel besser ausgebildet als früher“, beschreibt Carstens die heutige Zeit.

Wo sieht Carstens heute die Zukunft des Handballs? „Wir müssen gute Angebote machen und die Kinder abholen. Wir haben eine tolle Sportart, die unheimlich Spaß macht, man muss eben lernen, so wie alles“, sagt Carstens. Da sind nach Meinung des Coaches Vereine und Trainer gefragt, und zwar alle, nicht nur die Spitzenclubs. Es brauche eine breite Verankerung, auch in den Schulen. Auch eine erfolgreiche Nationalmannschaft gehört in dieses Spektrum. „Alle müssen sich bemühen Kinder für diesen Sport zu begeistern, da müssen auch Sportlehrer mal schauen wie Handball geht“, sagt Carstens. Die mit dem Beruf einhergehende Öffentlichkeit bildet für Carstens keine großes Thema ab. Das Interesse an Trainern sei nicht so groß wie das an den Spielern. Das es Dinge gibt, die nicht schön für die Familie sind, gehört zum Beruf. An Weihnachten spielte die Bundesliga, die Urlaubsplanungen im Sommer gestalten sich schwierig. „Es ist ein toller Job“, sagt Carstens.

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