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NUR EIN TORSCHUSS - AUßENSEITER BORUSSIA MÜNSTER GEWINNT

FOTOS/TEXT: ERNST SIEPMANN

Münster. Kreispokal, Kreispokal, überall nur Kreispokal. Während hier in Schaumburg die Fans Pfingstsamstag fürs Finale dick im Kalender angestrichen haben, sind die Westfalen schon viel früher dran. Mittwoch sowie Donnerstag gab es in 24 Kreisen die Finalspiele. Nur sechs Kreise spielen an einem anderen Termin. Doch im Gegensatz zu Schaumburg läuft der Wettbewerb ein wenig anders. Zugelassen sind alle Vereine unterhalb der Oberliga. Will heißen, dass die Kreisligisten zwar mitspielen, aber je weiter es dann geht schnell Zaungast werden. Verbandsligisten, Landesligisten und kaum Mannschaften aus Bezirksliga bestritten die Finalspiele. Kreisliga? Nett gemeint, aber in Westfalen ohne Wirkung.


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Möchte man ein Finalspiel außerhalb von Schaumburg erleben, bieten sich Minden, Hameln oder Lemgo an. Doch das ist Pillepalle. Viel spannender erscheint, wie so was in der Großstadt abgeht. Der Berichteschreiber machte sich nach Münster auf, wo Fußball-Euphorie herrscht. Die Münsteraner Preußen feierten den Aufstieg. Schwappt die Begeisterung auch etwas tiefer über, ins Kreispokal-Finale? Der sprichwörtliche Goliath traf auf den David. Westfalia Kinderhaus (Verbandsliga) maß sich mit der DJK Borussia Münster (Bezirksliga). Zwei Ligen Unterschied! Das Spiel wurde im Vorort Roxel ausgetragen. Eine idyllische Ecke, die 750 Zuschauer zum Sportplatz lockte. Soweit die offizielle Angabe. Doch der Berichteschreiber schätzt, es waren sogar mehr Leute mehr Ort.


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750 Zuschauer sahen das Finale


Kinderhaus, was für ein Name. „Das hat historische Ursachen“, erklärt ein Einheimischer aus dem Stadtteil im Norden Münsters. „Das ‚Kinderhus‘ war damals ein Haus für Leprakranke, Die nannte man im Mittelalter auch „arme Kinder Gottes“. Später bildete sich um die Pflegeeinrichtung eine Ortschaft, die diesen Namen beibehielt.“ Ohne Geld geht im höherklassigen Fußball natürlich nichts. Zwar ist es kein Hersteller von medizinischen Geräten, sondern der Schöpfer glitschiger Produkte, sprich Salben, Shampoos und ähnlichem. Das Engagement bedeutet zumindest einen soliden Platz in der Verbandsliga.


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Ein „Prost“ für die Schiedsrichter


Der Kinderhaus-Anhang war in der Überzahl. Der auswärtige Besucher schätzte das Fan-Verhältnis 4:1. „Eher 3:2“, meinte Schiedsrichter Jonathan Wlotzka. Er muss es wissen. Schließlich kennt er die Leute und Verhältnisse vor Ort. Natürlich zeigten sich die Fans aus beiden Lagern optimistisch. „Kinderhaus war schon dreimal im Pokalendspiel. 2016 zogen wir als Sieger in den Westfalenpokal ein. Hatten ein Heimspiel gegen den FC Gütersloh und führten 2:1. In der vorletzten Minute bekam Gütersloh einen fragwürdigen Elfmeter. Der ging rein. Im Elfmeterschießen setzte sich der Favorit knapp durch“, erinnerte sich Hans-Joachim Bäcker, den alle „Löti“ nennen. Löti war in jungen Jahren selbst für Kinderhaus am Ball. „Wir gewinnen heute 3:1 und wollen nächsten Jahr ein ernstes Wort um die Verbandsligaspitze mitreden.“


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Anders sah es Heino Schrick. Der Fan von Borussia Münster besaß den Luxus, dass seine beiden Söhne im Finale spielten. Michel bei Kinderhaus, Mathis für die Borussia. „Aber ich bin für die Borussia. Michel wechselt im Sommer von Kinderhaus nach Mecklenbeck, die aufgestiegen sind. Borussia schwebt im Pokalfieber. Haute im Halbfinale schon einen Verbandsligisten raus. Unser bester Spieler ist Hannes John. Der hat als Achter über 20 Tore geschossen. Borussia ist aktuell Tabellenzweiter. Liegt einen Punkt hinter dem Spitzenreiter und hat noch Aufstiegshoffnung. Die Mannschaft bleibt zusammen. Selbst Hannes John hat zugesagt. Dem lagen etliche Angebote von anderen Vereinen vor. Auch Kinderhaus war interessiert. Da hätte er richtig Geld verdienen können. Das zeugt von Kameradschaft. Wir gewinnen heute mit 2:1.“

In der ersten halben Stunde entwickelte sich das Spiel zu einer zähen Angelegenheit. Natürlich dominierte der Favorit aus Kinderhaus. Aber die Borussia antwortete mit einer bärenstarken Abwehrleistung. Erst kurz vor Halbzeit gab es Chancen für die Westfalia. Zwei Freistöße und auch ein Eckball sorgten für Gefahr. Aber es gilt die alte Weisheit von Huub Stevens: Die Null muss stehen! Torlos ging es in die Kabinen.


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Philipp Oluts scheint den Ball per Blickkontakt vorbei zu lenken.


Meist schießt der Favorit dann irgendwann ein Tor und schaukelt die Partie über die Zeit. Jendrik Witt schoss haarscharf über die Latte (52.). Die Chancen für Westfalia Kinderhaus mehrten sich. Aber dann quälte Hunger den Berichteschreiber und es ging an den Imbissstand. Was Wartezeit erforderte. Natürlich kein Problem bei Blickrichtung auf das von Kinderhaus belagerte Borussen-Tor. Doch, lieber Leser, Sie kennen dies gewiss! Mal eben weg zum Pinkeln oder Getränke holen, und schon verpasst man DIE Szene des Spiels. Nur aus den Augenwinkeln sah ich, wie plötzlich der Ball im langen Eck des Kinderhaus-Tores einschlug und eine dicke Jubeltraube roter Borussenspieler sich bildete. 0:1 durch Marko Costa Rocha (69.). Das Tor des Tages! Der einzig echte Torschuss der Borussia – und der gleich drin.

Natürlich findet man schnell frische Freunde, die bei der Bericht-Erstattung helfen können. „Der Ball wurde nach einer Ecke schön auf außen rausgelegt zu Marco Costa Rocha. Der hat ihn von rechts reingemacht. Anschließend verteidigten wir alles phantastisch weg“, schilderte Jan Springeneer. Die Nummer 28 der Borussia erlebte diese Szene von der Wechselbank und durfte später bei der Ergebnissicherung mithelfen. „Erwartet hatten wir den Sieg nicht. Natürlich waren wir der Underdog in der ganzen Sache. Aber wir wissen, welche Qualität die Mannschaft hat. Wir stehen in der Liga gut da und gingen selbstbewusst in dieses Spiel. Boten eine brutal gute erste Halbzeit. Ließen kaum was zu. Aufgrund der starken Abwehrleistung gewannen wir in meinen Augen verdient.“


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Der Ball in der Mitte, Vorteil Kinderhaus.


Aber vor dem Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt, wusste schon der griechische Dichter Hesiod vor 2.700 Jahren zu berichten. Denn so einfach machte es die Westfalia den Borussen nicht. Wütende Angriffe waren die Folge, von denen Fabian Witt und Luis Haverland die meisten Szenen hatten. Erschwerend kam für die Borussia hinzu, dass ab der 75. Minute sie in Unterzahl antreten musste. Jacob Theuringer sah nach wiederholtem Foulspiel Gelb-Rot. Nichts Böses, aber so sind die Regeln.

Während der regulären Spielzeit hielt die Borussia dem Dauerdruck der Kinderhäuser stand. Dann kam der große Aufreger. Elfmeter in der Nachspielzeit! Die große Chance zum Ausgleich für den Verbandsligisten. „Aus meiner Sicht war der Pfiff eine harte Entscheidung“, wertete unser Borussen-Informant Springeneer die Szene. „Sicher, etwas Körperkontakt war da. Aber man hätte es nicht unbedingt pfeifen müssen. Zum Glück haben wir einen geilen Schnapper im Tor, der das Ding gehalten hat. Der kann das! Im Training macht er so was oft genug. Heute müssen wir uns ganz klar bei Philipp Oluts bedanken.“

Fragen wir den Schiedsrichter, wie er dies Spiel und die Elfmeterszene sah. „Dass es kein einfaches Spiel würde, war klar. Borussia ist für eine starke Pokalleistung bekannt und als Bezirksligist besonders heiß. Dass es hier eng wird vor dieser großartigen Kulisse war zu erwarten“, so Jonathan Wlotzka. „Die Mannschaften waren sehr diszipliniert. Uns spielte in die Karten, dass wir in der 91. Minute einen Elfer für den Unterlegenen gaben, der verschossen wurde. Aus Schiedsrichtersicht lief es perfekt. Wenn der reingeht und Kinderhaus gewinnt, kommt von Borussenseite die Frage, ist der Elfmeter berechtigt. Oder es hatte Diskussionen gegeben. Reicht die Nachspielzeit, wie war das mit der Gelb-Roten Karte?“

Aber der verschossene Elfmeter, den Torwart Oluts glänzend parierte, erstickte sämtliches Genörgel schon im Keim. „Wer meint, der Elfmeterpfiff sei ein wenig hart, muss wissen, dass ich denselben Spieler zwei Minuten vorher schon ermahnt hatte. Bei einer ähnlichen Szene kurz vor dem Strafraum. Martin Lambert (der Verursacher) ist bekannt im Münster. Ein alter Haudegen, der weiß, was er macht. Mein Assistent hat mich sehr gut unterstützt und sofort signalisiert: Elfmeter. Dafür benutzen wir mittlerweile ja alle Headset.“

Interessant erschien die Aussage des Schiedsrichters zur Frage, ob dies Finale das wichtigste Spiel seiner bisherigen Karriere sei. „Entscheidend ist, wo man den Schwerpunkt legt. Wie wichtig ist der Kreispokal im Gegensatz zur Meisterschaft, wenn es um Aufstieg oder Abstieg geht? Ich persönlich halte ihn nicht für so bedeutend. Aber klar, Finalspiele sind immer etwas Besonderes. In Münster hat keiner erwartet, dass Kinderhaus das entspannt gewinnt. Auch wenn sie der klare Favorit waren. Für Borussia Münster ist es der erste Gewinn des Kreispokal. Aber ob es mein wichtigstes Spiel war, darüber muss ich nachdenken.“

Während der Schiedsrichter, der eine tadellose Leistung bot, über die Bedeutung des Kreispokal sinniert, ist die Entscheidung für uns Schaumburger schon längst gefallen. Denn Kreispokal ist hier im Kreis das Höchste der Gefühle. Die meisten Spieler erleben dies nur einmal in ihrer Karriere – wenn überhaupt. Auch ist die Zuschauerbegeisterung anders. Das Münstersche Finale wirkte in gewisser Weise emotionsarm, was auch am Stadion gelegen mag. Schicke Tribüne, langgezogene fünfstufige Stehränge, die Laufbahn zwischen Zuschauern und den Akteuren. Da geht so mancher Fan-Funke der Leidenschaft verloren. Auch fehlten die bekannten Rufe in den Platz hinein. Wie „Immer die Sechs“ oder „Der hat schon Gelb“. Kreispokal hier in den Dörfern bedeutet ein Wellental zwischen Ekstase und tiefer Trauer. Begeisterung gab‘s sicherlich beim Sieger DJK Borussia Münster. Der Rest der Zuschauer wertete das Endspiel mit wohlwollendem Kopfnicken und sagte sich: „Es war ein netter Nachmittag.“

Abschließend noch ein interessanter Fingerzeig in Sachen Sponsoring. Pokalendspiele in Westfalen laufen nicht als No-Name-Wettbewerb. Ein Namensgeber steht zur Seite. Wen wundert es, dass Brauereien ausnahmslos hier zugeschlagen haben. Verständlich, denn die trinkende Kundschaft steht auf den Rängen oder sitzt auf der Tribüne. Jeweils ein hübsches Fässchen gab es für die Unparteiischen. Die freuten sich darüber und verkosteten es gleich nach getaner Leistung. Da können wir nur zurufen: „Prost, Schiri!“ Verflixt, wieso ist unsere Brauerei in Schaumburg nur vor Jahren in die Insolvenz gegangen?!

Westfalia Kinderhaus: Tim Siegemeyer – Julian Horstmann (82. Kevin Schöneberg), Leon Niehuis (86. Martin Lambert), Malte Wesberg, Florian Graberg - Felix Ritter, Nick Rensing, Airton Pereira de Brito Junior, Nelson Odinks Peters (46. Jendrik Witt) – Montasar Hammami (71. Fabian Witt), Luis Haverland // Trainer: Holger Möllers

Borussia Münster: Philipp Oluts – Moritz Pauli, Felix Klaphake, Mathis Schrick, Jacob Theuringer – Nils Burchardt Cebrail Demir, Mats Klosa (90.+3 Jan Springeneer), Hannes John Johannes Steinbach (90. Jannis Pier), Marko Costa Rocha // Trainer: Henry Hupe

Schiedsrichter: Jonathan Wlotzka (SC 08 Münster)

SR-Assistenten: Samuel Hutter (SC Blau-Weiß Aasee) + Jonas Drube (Concordia Albachten)

Tor: 0:1 Marko Costa Rocha (69.)

Besondere Vorkommnisse:

Gelb-Rote Karte gegen Theuringer (75., Borussia, wiederholtes Foulspiel)

Torhüter Oluts (Borussia) hält Foulelfmeter von Schöneberg (90.)

Zuschauer: 750 auf der Platzanlage des BSV Roxel (Münster-Roxel)

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