Abenteuer pur in der Hauptstadt - Reinhold Koch über Race-Day und Runners-High beim Berlin-Marathon

Leichtathletik. 45. Berlin-Marathon: 44.400 Läufer, 5.300 Inline-Skater aus 133 Nationen – und mitten drin Reinhold Koch. Bei perfekten Bedingungen feierten die Skater ein Fest auf Rollen beim weltweit größten Inline-Marathon. Für den 70-Jährigen aus Rinteln war es der sechste Inline-Skating-Marathon.

Die 42,195 Kilometer absolvierte er in 1:59:55 Stunden. Der Sieger kam aus Belgien. Bart Swings gewann zum sechsten Mal infolge und benötigte 57:58 Minuten. Schnellste Frau war Katharina Rumpus aus Darmstadt in 1:09:15 Stunden.

„Mit 70 Jahren war ich weitaus noch nicht der älteste Teilnehmer“, verrät Koch. „Die starteten in der Altersklasse M80. Der Sieger war in 1:49:35 Stunden im Ziel.“ Für Koch war die Zieldurchfahrt ein unbeschreibliches Gefühl. „Als ich im Ziel auf die große Video-Wand schaute und sah, dass ich unter zwei Stunden geblieben bin, war die Freude riesig. Der monatelange Trainingsfleiß hat sich gelohnt“, war Koch von seiner Leistung überwältigt.

Die Vorbereitungen auf den Berlin-Marathon waren sehr intensiv. 2000 Kilometer Radfahren, 250 Kilometer Laufen, 550 Kilometer Wandern, 100 Kilometer Skilanglauf, 450 Kilometer Skaten und 80 Kilometer Schwimmen hatte Koch absolviert, bevor er in Berlin auf Strecke ging. Auf seinen Trainingsstrecken rund um die Ellerburg und auf dem Radfernweg-Weser zwischen Hessisch Oldendorf und Wehrbergen wurde er von seiner Frau Claudia gecoacht.

Zum Training kam die mentale und organisatorische Vorbereitung hinzu. Die Anmeldung musste frühzeitig erfolgen. „Für die Marathonläufer sind die begehrten Startnummern bereits nach spätestens einer Woche vergeben. Bei den Skatern sieht es etwas günstiger aus“, weiß Koch. „Die Tickets für die Anreise und das Hotel mussten gebucht werden. Und dann war es so weit, eigentlich immer zu früh, man hat das Gefühl nicht ausreichend trainiert zu sein.“ Diesmal aber wirklich zwei Wochen früher als traditionell am dritten Wochenende im September. Der vorgezogene Termin war den Vorbereitungen zum „Tag der Deutschen Einheit“ in der Hauptstadt geschuldet. „Gerade in Berlin angekommen, wurde schnell das gebuchte Quartier aufgesucht, um gleich danach zur Marathon-Messe zu gehen, wo man alles für die Teilnahme bekommt.“

Frühzeitiges Erscheinen erspart lange Wartezeiten bei der Startnummern-Ausgabe, insbesondere bei den heutigen Sicherheitsvorkehrungen nach dem Terror-Anschlag beim Boston-Marathon 2013. Jeder Teilnehmer erhält nach Vorlage des Startpasses und des Personalausweises ein Athletenarmbändchen um das Handgelenk, welches immer zu tragen ist. Ansonsten gibt es keinen Zugang zu den Veranstaltungen. „Hat man endlich Startnummer, Starterbeutel, transparenten Kleiderbeutel erhalten, und der Champion-Chip für die elektronische Zeitmessung mit den persönlichen Daten wurde geprüft, steht für den Marathon alles auf Grün“, berichtet Koch.

„Nach einer unruhigen Nacht ist es dann so weit – Race-Day“, sagt Koch. „Der Vorteil für die Skater besteht darin, dass das Rennen einen Tag vor dem großen Marathon um 15.30 Uhr gestartet wird. Das bedeutet, man muss nicht um sechs Uhr aufstehen, frühstücken und um 9 Uhr am Start stehen. Alles läuft entspannter ab.“ Der Umkleidebereich lag zwischen Reichstag und Kanzleramt auf der großen Wiese, die mit einem hohen Bauzaun abgesperrt war. Wieder Check-in, Sicherheitskontrolle, Sichtung des Armbandes, der Startnummer und des Kleiderbeutels.

„Für irgendwelche Gedankenspiele bleibt keine Zeit: umziehen, Ausrüstung anlegen, Kleiderbeutel abgeben und Startbereich aufsuchen. Die Erfahrungen von 52 Marathons und fünf Inline-Skating-Marathons nebst diverser Halbmarathons bewahrt einen aber nicht vor der Nervosität, die einem jedes Mal wieder vor dem Start befällt. Auch wenn man auf Rollen steht, der Respekt vor der Strecke bleibt. Schaut man sich um, so scheint es, dass sich die Mitläufer mit den gleichen Gedanken tragen: gesund, sicher und möglichst verletzungsfrei das Ziel erreichen, aber dennoch Spaß dabeihaben“, so Koch.

„Und los geht es. Die GPS-Uhr ist gestartet, die elektronische Erfassung per Chip ist beim Überschreiten einer quer zur Fahrbahn liegenden Matte erfolgt. Die ,Goldene Else‘ ist schnell passiert.“ Überholt wird links und rechts per Ansage und mit einem „Danke“, wenn der Vorgang beendet ist. Richtungswechsel und Hinweise auf Gefahrenstellen erfolgen durch Handzeichen der Vorausfahrenden. Auf Unebenheiten in der Fahrbahn, Schachtabdeckungen, Bahnschienen, Fahrbahnteiler und andere Gefahren muss man selbst achten, werden auch teilweise durch Streckenposten angezeigt. Insgesamt bedeutet das aber, dass man mindestens zwei Stunden hochkonzentriert fahren und aufpassen muss, was die jeweiligen Nachbarn so machen. Eine Sightseeing-Tour ist das Ganze nicht.

Spitze ist das Berliner Publikum am Streckenrand. Sie feuern die Läufer namentlich an, der auf der Startnummer steht. „Reinhold, du siehst gut aus, weiter so, gib Gas!“ Die Verpflegungsstände an der Strecke fliegen vorüber. Bei der Geschwindigkeit ist es jedoch eher angesagt, auf die mitgeführte Eigenverpflegung, wie Power-Gel und Trinkflasche, zurückzugreifen. „Alles Andere wäre zu viel Akrobatik und bedürfe einiger Übung“, weiß Koch. Ehe man sich versieht, geht es auch schon durch das Brandenburger Tor. Jetzt sind es nur noch 200 Meter bis zum Ziel in der Straße des 17. Juni. Endspurt – doch Vorsicht! „Hier gibt es einen geriffelten Plattenbelag und die Markierung des früheren Mauerverlaufs besteht aus Kopfsteinpflaster. Es gibt hier häufig Stürze“, berichtet Claudia Koch, die als Zuschauerin das Rennen verfolgte.

„Jeder, der die Ziellinie überfahren hat, ist Sieger. Deshalb nimmt man mit Stolz die Plakette in Empfang und hängt sie sich zusammen mit der Wärmefolie gegen Auskühlung um den Hals. Etwas Obst und Getränke, ein alkoholfreies Bier nach dem vielen Wasser und schon stellt sich ein gewisses Wohlgefühl, andere nennen es ,Runners-High‘, ein. Wer noch etwas mehr davon haben will, geht am nächsten Morgen mit über 44.000 Läufern noch einmal an den Start.“ Der beste „Doppelstarter“ lief im Inline-Skating 1:30:26 und im Laufen 2:18:13 Stunden.

Nach dem Marathon ist vor dem Marathon. Im Internet laufen schon die Vorbereitungen für den 46. Berlin Marathon 2019. „Vielleicht sind wir dann wieder dabei und alles steht auf Anfang“, blickt Reinhold Koch in die Zukunft.

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